Herstory

a work in progress


Ich bin Hazel Rosenstrauch


geboren  in London, aufgewachsen in Wien, mit 18 wollte ich in die USA, dann nach Kanada auswandern und landete in Deutschland, wo ich studierte und immer noch bzw. wieder lebe.
Wohnorte: Berlin, München, Köln, Tübingen, zwischendurch wieder Wien, seit 1997 lebe ich wieder in Berlin.
Ich habe vieles studiert und in verschiedenen Gewerben mein Geld verdient (Journalistin, Redakteurin, wissenschaftliche Mitarbeiterin an verschiedenen Universitäten, hab Ausstellungen gemacht und war auch Sozialarbeiterin und Bankangestellte). Zuletzt habe ich als Redakteurin die Zeitschrift "Gegenworte- Hefte für den Disput über Wissen" hg. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, betreut, seit 2007 bin ich "frei" und lebe als Au-, Lek- und ModeraTORIN, Textkosmetikerin und Clownin in Berlin.
Ich habe einen alleinerzogenen Sohn, der mir diese Website gemacht hat.

Ich habe einige Bücher geschrieben; als mich neulich einer meiner Verleger fragte, was sie im Innersten zusammenhält, fiel es mir ein:
Mich interessieren Aufbrüche und wie Individuen mit dem Kater danach umgehen (bevorzugt um 1800); mich interessieren Stigmatisierte, Träumer und Einzelgänger, Juden, Kommunisten oder auch Henker … und was auf sie projiziert wird. Ich kann Geschichten nicht erdichten, dazu ist meine Loyalität gegenüber den Fakten zu stark, was ich gerne mache: überliefertes Material umbauen, verschiedene Perspektiven wählen, schütteln und neu zusammensetzen. Ich suche nach Worten für den Nebelstreifen zwischen Himmel und Erde, Wissenschaft und Literatur/Politik und Personen … Geschichte und Geschichten.

Kurz-Geschichte


Tätigkeiten

In  jungen Jahren habe ich (nach einer kurzen Zeit als Sekretärin und Bankangestellte) arbeitslose Jugendliche und analphabetische Türken unterrichtet, meine ersten journalistischen Sporen im Kursbuch, bei Konkret, Spontan und twen und im Bayerischen Rundfunk verdient, später auch für den Südwestfunk, beim Schwäbischen Tagblatt, bei der taz, für den Österreichischen Rundfunk, die Wiener AZ und die Presse, den Freitag und andere Blätter gearbeitet, ich habe in Sammelbänden und Zeitschriften über Weibliches und Jüdisches, Wien und Landflucht, über Buchhandelsgeschichte, Wissenschaftsvermittlung und die Zeit um 1800 publiziert .

Da mich die im deutschen Sprachraum wenig bebauten Felder zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, zwischen Fachsprache und Literatur, zwischen ernster und trivialer Kultur interessieren, habe ich mich sowohl praktisch wie theoretisch mit diesem Zwischen auseinandergesetzt. Ich war abwechselnd und nebeneinander in wissenschaftlichen Institutionen, in Redaktionen und Verlagen tätig – als Forschende, Lehrende, als Journalistin, Redakteurin, Lektorin und Autorin.

In den Wiener Jahren und besonders 1989 ff. habe ich mich in Vorträgen, Aufsätzen, Begegnungen viel mit der Frage beschäftigt, was Kultur zur Verständigung zwischen den verschiedenen Ländern im Osten und im Westen, im Norden und im Süden und dazwischen beitragen kann. Rahmen dafür waren Treffen der Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn, der Felix-Meritis-Foundation Amsterdam, Amsterdamer Summer-University, IFA = Institut für Auslandsbeziehungen, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Literaturhaus Wien und Literaturhaus Mattersburg sowie Diskussionsfestivitäten in Prag, Budapest, Szombathely, in Nishni Nowgorod und Talin.

Ich war akademisch tätig u.a. als Assistentin im Bereich Kultursoziologie am Soziologischen Institut der Freien Universität Berlin (1982-1987) und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozioökonomie der Österr. Akademie der Wissenschaften und hatte Lehraufträge in mehreren Fächern. In der Wissenschaft lag mein Schwerpunkt auf der Entwicklung einer bürgerlichen Öffentlichkeit, literarisch hat mich die Geselligkeit zwischen Aufklärung und Romantik besonders interessiert. Im Unterricht an verschiedenen Instituten habe ich mich vorwiegend darum bemüht, den Studierenden das Schreiben, Reden und Recherchieren beizubringen, in letzter Zeit hat sich die Vermittlung von Wissenschaft(en) in den Vordergrund gedrängt.

Orte meiner Lehre und Forschung: Rhetorisches Seminar der Universität Tübingen, Institut für Empirische Kulturwissen­schaften Tübingen, Institut für Soziologie der FU Berlin, Institut für Geschichte der Universität Wien, Institut für Zeitgeschichte ebd, Institut für Vergleichende Literaturwissenschaften ebd. Forschungsstelle für Sozioökonomie der Akademie der Wissenschaften, Wien, Amsterdam Summer-University; Institut für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität Berlin.

Das Interesse für die Arbeit an Sprache und mit Wissenschaft (trotz ihrer meist grauslichen Ausdrucksweisen) konnte ich – manchmal – essayistisch verbinden, und auch ich machte die Erfahrung, dass man nicht als Wissenschaftlerin gilt, sobald frau sich verständlich ausdrückt. Insofern war es ein Glücksfall, als ich die Möglichkeit bekam, eine Zeitschrift für und zusammen mit anerkannten Wissenschaftlern zu entwerfen und zu leiten, in der sich verschiedene Disziplinen um Öffnung und Verstehbarkeit bemühten. Ergebnis = die Hefte 1- 14 der Gegenworte. Als Maskottchen der Zeitschrift diente die Fliegende Schildkröte, testudo volans. Ich konnte ausprobieren, ob das geht: differenziert und verständlich, anregend und quer über die Disziplinen kommunizieren. Als man mich in die PR-Abteilung transferieren wollte, gab ichs auf.

Spuren

Ich habe Studierende verführt, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, ein paar Bücher geschrieben, Rundfunk und Zeitschriften beliefert, habe an Ausstellungen, in Arbeitskreisen und in vielen Diskussionen mitgewirkt, wobei es meist um Integration ging – um die Integration verschiedener Kulturen, in Europa, innerhalb Deutschlands und Österreichs oder in der Welt und auch um die Zusammenführung verschiedener Kulturen wie Wissenschaft – Literatur – Öffentlichkeit – Kultur- und Naturwissenschaft und Fachsprachen mit Alltagssprache …

Mein letztes größeres Projekt war die Mitbegründung und fast zehnjährige Leitung der Gegenworte. Hefte für den Disput über Wissen, hg. Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Seit ich aus der Akademie der Wissenschaften gegangen bin, besuche ich regelmässig Clownskurse. Irgendwann fing ich an zu trommeln. Inzwischen liegt bei mir eine Ukelele, noch bin ich patschert.

Ich habe einen Schönheitssalon für empfindliche Texte gegründet, in dem ich Pickel und Falten in anderer Leute Texten bereinige. Aber in letzter Zeit ist dieses Gewebe in den Hintergrund getreten. Ich kümmere mich um meine eigenen Texte.

Ab  April 2007 habe ich in der Hauptsache an dem Buch “Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt” gearbeitet. Es ist im Mai 2009 in der Anderen Bibliothek des Eichborn-Verlags erschienen, schon im Juni in einer zweiten Auflage und hat erstaunlich gute Rezensionen bekommen. Im Oktober erschien die 3. Auflage, kurz vor Weihnachten die Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg. 2017 ist nochmals eine Ausgabe mit Fehlerkorrekturen erschienen.
Im August 2010 ist jenes Buch erschienen, um das mich meine Freundin und treue Verlegerin Lisette Buchholz = persona-Verlag seit Jahren gebeten hat:  JUDEN NARREN DEUTSCHE. Sie hat mich jahrelang gedrängt, die verstreuten Aufsätze zum Thema Jüdisches in deutschen Landen zusammenzutragen und als ich mich daran setzte, ist noch einmal soviel Text wie wir beisammen hatten aus meinem Kopf geplumpst.

Im Sommer 2012 erschien das Buch: Karl Huss, der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur.  Es spielt wieder in der Zeit um 1800, thematisiert Rollenzuschreibungen und die vielen politischen und mentalen Umbrüche und die Eroberung individueller Freiheiten. Neben dem Henker spielt Clemens von Metternich eine prominente Rolle. Das Buch ist im Verlag Matthes & Seitz, Berlin, erschienen.

2013 erschien ein hübsches kleines Bändchen: Eitelkeit. Ein spärlicher Name für einen überquellenden Inhalt. Vorausgegangen war ein Vortrag zu dem Thema, in dem ich jungen Leuten versucht habe zu erzählen, was ich unter Kulturpublizistik verstehe und wie ich mich einem so amorphen Thema essayistisch annähere.

Im Herbst 2014 erschien Congress mit Damen. Europa zu Gast in Wien 1814/1815, soweit ich sehe, bislang das einzig schmale Buch unter vielen Veröffentlichungen zum Wiener Kongress. Neben den hervorgehobenen interessanten, mitmischenden Frauen speieln einige alte Bekannte mit - Wilhelm von Humboldt, Karl August von Varnhagen, Dorothea Schlegel ... über die ich in früheren Büchern geschrieben habe. Erschienen im Czernin-Verlag, Wien.

Im Wintersemester 2014/15 war ich Gastprofessorin an der Universität für Angewandte Kunst in Wien.

2015/16 habe ich unter anderem Deutschkurse für Neubürger aus Syrien gegeben.

Seit Herbst 2017 beschäftige ich mich mit Simon Veit, dem weithin unbekannten ersten Mann der berühmten Dorothea Schlegel, geb. Brendel Mendelssohn. Arbeitstitel: Der unbekannte Mann einer berühmten Frau. Darin steckt meine Auseinandersetzung mit Genderforschung, bei der Dorothea Schlegel eine Ikone ist, mit Aufklärung, Romantik, Integration der jüdischen Minderheit, mit den sich ändernden “Narrativen” und auch ein bisschen mit der Frage nach der Emanzipation der Männer.
Dazwischen, daneben, davor halte ich Vorträge zu den in diesen Büchern erarbeiteten Themen, nehme an Veranstaltungen teil, organisiere, belehre und mach mir immer noch Gedanken ....

Preise

Meine Schwester behauptet ja, die ersten Preise hätte ich schon mit acht oder neun Jahren bekommen, ich erinnere mich an einen Preis der Österreichischen Wirtschaftskammer, am Ende meiner Schulzeit in der Wiener Handelsakademie. Das ist doch alles sehr lange her. Aber inzwischen und vor allem in Österreich, habe ich "gewonnen":

1999 ORF-Essay Preis (den 2.)

2012 Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik

2015 Theodor-Kramer Preis

Wie ich wurde


In London bin ich geboren, weil meine österreichischen Eltern dorthin geflüchtet sind. Die Volksschule habe ich in Floridsdorf besucht, wir hatten eine sehr kluge junge Lehrerin, die sich um das Miteinander der Kinder aus sehr unterschiedlichen Milieus bemühte (Flüchtlingskinder, Nazikinder, Kinder von Juden und Atheisten, von Zigeunern, Ungarn oder Rumänen).

Als Gymnasium wählten meine Eltern die Stubenbastei, die einzige Schule in Wien, die Russisch als Hauptfach anbot und wo die meisten Remigranten ihre Kinder hinschickten. Es war eine sehr liberale Schule, eine der wenigen, in denen Buben und Mädel gemeinsam unterrichtet wurden. Aber mein Klassenlehrer wollte mich nicht, er empfahl meinen Eltern, mich von der Schule zu nehmen, sonst würde er dafür sorgen, daß ich die drei „Fünfer“ bekomme, was dazu führt, daß man aus der Schule fliegt.

Es folgten vier Jahre Handelsakademie, reine Mädchenklassen, wegen Raummangels hatten wir nachmittags Unterricht, meine Schwester, mit der ich das Zimmer teilte, mußte frühmorgens zur Schule. Wie ich diese Ausbildung in Fächern wie Finanzmathematik, Volkswirtschaftslehre, Betriebswirtschaft etc. überstanden habe, weiß ich bis heute nicht, war aber von den 63 Anfängerinnen eine der 13, die es bis zum Fachabi schafften.

Mit 18 ging ich in die USA, genauer gesagt nach New York, das gelobte Land, Inbegriff von Freiheit und Fortschritt, staunte über Plakate wie „You don't have to be jewish to love Levis Rye-Bread“ … wieso konnte man mit Juden Reklame machen. Auch der Rassismus gegen Schwarze war noch spür- und hörbar. Da mich die Nachfahren von Mc Carthy (nicht Paul, nicht Mary, sondern der Kommunistenfresser) nicht wollten, zog ich nach Kanada, Toronto und fand einen Job in der Canadian Imperial Bank of Commerce, abends tippte ich für einen deutschen Unternehmer dessen Briefe. Wohnte unter falschem Namen bei Leuten, die 1945 aus Deutschland geflüchtet waren, das antisemitische Coming-out des Schwiegersohns überstand ich ebenso selbstbewußt wie die Absage eines jüdischen Geschäftsmanns, der mir – als ich meinen richtigen Namen sagte – mit heftig jiddischer Aussprache erklärte, er arbeite nicht gern mit Jidden.

Nach anderthalb Jahren hatte ich genügend Geld verdient, um nach Europa zurückzukehren, übrigens damals noch mit dem Schiff. Ich nahm mir in Wien ein Untermietzimmer, büffelte an der Abendschule, fand dank der Vermittlung meines Zahnarztes den ersten Assistentenjob bei einer Wirtschaftszeitschrift, bekam die für ein Studium der Geisteswissenschaften nötigen Zeugnisse von der Externistenreifeprüfungskommission. Nochmal Rassismus. Meine erste größere Recherche befasste sich mit der Situation ausländischer Studenten (nicht „Studierenden“, denn Frauen gabs kaum) in Wien. Afrikaner und Nahöstler lebten damals ziemlich segregiert, hatten eine eigene Mensa, eigene Bibliothek und kaum Kontakt zu Einheimischen. Mein Chef nahm das Material, änderte Anfang und Ende und machte daraus einen Pro-Südafrika-Artikel. Ich tobte, kündigte, nach einer Woche rief er mich an und fragte, wenn Sie solche ideologischen Schwierigkeiten haben, wollten sie nicht als Photografin bei mir arbeiten. Das war Liberalismus. Tat ich natürlich nicht.

1965 Umzug nach Berlin, Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Freien Universität Berlin. Magisterarbeit über ‚Die Rolle der Gartenlaube für die Konzeption und Verbreitung von Marlitts Romanen. Studie zur Trivialliteratur‘ (Betreuer Prof. Eberhard Lämmert). Zur Ausbildung gehört, dass ich Mitte der 60er Jahre kopfüber in die Studentenbewegung gefallen bin. Mich haben das Antiautoritäre und die radikale Veränderung der Umgangsformen, die stundenlangen Diskussionen am Mensatisch und das Ausmisten der Germanistik-Bibliothek (Nazischrifttum!) nachhaltig beeinflußt.  Lernen und Leben, die Freundschaften mit Hippies und Marxisten, die Dinge/Texte/Wahrheiten umdrehen und Experimentieren wirken bis heute nach. An K-Gruppen und dgl. hab ich nicht mitgemacht, das kannte ich schon aus meiner Jugend. Ein kleines privates Jurastudium konnte ich absolvieren, weil ich jahrelang in einen Prozess gegen den ehemaligen Polizeipräsidenten Duensing verwickelt war – wegen Rechtswidrigkeit des Polizeieinsatzes am 2. Juni 1967, ich hab den Prozess gewonnen. Frauenbewegung, die Gründung von neuen Zeitschriften und Kleinverlagen, der deutsche Herbst und einige unglückliche Liebesgeschichten gehören zu meiner Schule des Lebens.

Wie bin ich zum Schreiben gekommen? Meine Schwester behauptet, ich hätte mit acht oder neun Jahren einen ersten Preis bei einem Schreib-Wettbewerb gewonnen, daran erinnere ich mich nicht. Soweit ich es noch weiß, habe ich abgesehen von Gedichten für Familienfeste und vielen Briefen mit dem literarischen Schreiben angefangen, weil ich für meine Schulfreundinnen Liebesbriefe verfasst habe.

Zeit des Reifens


Während des Studiums habe ich für Blättchen und Flugblätter formuliert, ich habe selbstverständlich auch Seminararbeiten geschrieben. Die erste zitierbare Veröffentlichung war „Unwissenschaftliche Betrachtungen eines weiblichen Monsters“ im Kursbuch 17, geschrieben unter dem Pseudonym Hazel E. Hazel (weil ich die philosemitischen Bemerkungen der damals 40-60-Jährigen nicht ertragen habe). Die Sprache ist nicht mehr erträglich, was ich bewahrenswert finde ist mein Plädoyer für die Emanzipation der Männer, denn "wenn die Frauen sich allein emanzipieren (werden) sie eines Tages vor den Männern stehen ... und die können nichts mehr mit ihnen anfangen, weil sie Angst haben, impotent zuwerden, nicht die nötige Bestätigung zu bekommen". Genau das ist ja dann auch passiert.

Lebenslehren

Wie ich lernte, was akademische Hierarchie bedeutet

Anfang der 1970er Jahre unterrichtete ich gemeinsam mit einem Kollegen an der Volkshochschule Schöneberg "Deutsch für Türken". Damals gab es noch keine Lehrbücher, geschweige denn eine Ausbildung, wir entwickelten das gemeinsam mit den durchaus interessierten  "Gastarbeitern", auch "Gastarbeiterinnen". Dann gab es eine Ausschreibung für die Entwicklung von Lehrmaterial. Wir reichten ein. Man brauchte aber die Unterschrift eines Professors (war wohl als Qualitätssicherung gemeint). Wir gewannen den 1. Preis. Der Prof. machte das dann, aber ohne uns. So lernte ich die Bedeutung der akademischen Hierarchien kennen.

Wie ich lernte, was liberal ist


Meine ersten journalistischen Sporen verdiente ich mir bei einer Wirtschaftszeitschrift. Mein Zahnarzt hatte mich an seinen Kunden vermittelt. Der war bekannt als konservativ, fand es aber lustig, so eine kleine Rote zu engagieren. Ich war eine Art Praktikantin, bekam aber auch (wenig) Geld und wurde zu den Pressekonferenzen geschickt, bei denen es was zu essen gab. Nach zwei Monaten durfte ich erstmals für einen eigenen Artikel recherchieren. Es ging um ausländische Studenten (so sagte man damals und Frauen waren ohnehin nicht dabei). Man denke, das war Mitte der 1960er Jahre. Ich zog also los, bemerkte kaum, welche Sensation ich war, als ich in die eigens für die "Ausländer" eingerichtete Mensa kam (Argument für die Segregation: die essen kein Schweinefleisch). Es war nicht einfach, die Jungs zum Reden zu bringen, sie waren misstrauisch gegenüber Journalisten, gewohnt, dass man nur Negatives schreibt. Ich mach das anders! Und schrieb einen sehr einfühlsamen Bericht, der all die Diskriminierungen, die damals noch selbstverständlich waren, thematisierte. Der Artikel erschien. Allerdings mit einem Vor- und einem Nachspann meines Chefs, der den Inhalt verdrehte - so nach dem Motto, wir werden hier mit den Fremden nicht fertig, was maßen wir uns an, Südafrika zu kritisieren. Ich war wütend, raste in die Redaktion, machte eine Szene und kündigte (obwohl ich auf die Stelle angewiesen war). Nach etwa zwei Wochen rief der Chef bei mir an, und meinte: wenn Sie solche ideologischen Schwierigkeiten haben, wollen sie als Fotografin für uns arbeiten.

Er wusste, dass ich fleissig und engagiert bin, dass ich andere Überzeugungen habe, war nebensächlich, er konnte es sich leisten. Ich sagte natürlich nein.

Wie ich lernte, wozu Schönheit gut ist


In Kanada, ich war erst kurz in der Canadian Imperial Bank of Commerce angestellt, wurde ich auf einen Kurs zur Weiterbildung geschickt. Es ging nicht, wie ich erwartet hatte, um Bankwesen oder Buchhaltung, sondern wir, der Nachwuchs, lauter junge Frauen, kamen in einen Kosmetiksalon. Uns wurde vorgeführt, wie man sich schminkt, kleidet, frisiert. Als ich sagte "I can't see, why I should do this, I think I am beautiful enough" war das ein grosser Skandal. "Ir you don't want to improve yourself, we can't help you". Die Mädchen, viele von ihnen aus der Provinz, kamen verändert aus dem Kurs, vereinheitlicht, hübsch zurechtgemacht, künstlich. Es war wie eine Operation, die auch das Innen veränderte. Ich blieb nicht lange in dem Job.

wie ich Selbständigkeit verstehen lernte


Auch in Kanada, 1960er Jahre, ich hatte zwei Freunde, mit denen man Pferde stehlen konnte. Frank, der mir sehr geholfen hatte, arbeitete in einer Firma, die nachts Büros und Fabriken putzte. Der Chef hatte ihn beleidigt, es gab großen Krach, Frank kündigte. Da bot ihm der Chef an, er könne sich selbständig machen. Die Selbständigkeit bestand darin, dass er ein eigenes Scheckbuch bekam und auf eigene Rechnung putzen durfte. Von Stund an hatte er keine Zeit mehr, war "wichtig", arbeitete doppelt und dreimal soviel, nahm sich eine bessere Wohnung. Mit Pferde stehlen und lustigen Abenden wars vorbei. Mehr verdient hat er nicht, aber er war nun "selbständig".